Texte

 

Thomas Wulffen
Rede zur Ausstellungseröffnung  Uschi Niehaus 'Worte'
Galerie im Rathaus Tempelhof,  24.November 2011

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Frau Niehaus,

die Begegnung mit dem Werk von Uschi Nierhaus ist ein besonderes Ereignis. Das hat seinen Grund, und nicht nur einen und es wird deutlich schon bei einem Überblick der hier ausgestellen Arbeiten. Das Werk umfasst Malerei ebenso wie Zeichnungen oder Fotografien. Zwischen diesen Ausdrucksmitteln gibt es keine Hierarchie. Alle erscheinen gleichwertig und gleichzeitig verweisen sie aufeinander. Und zuweilen findet sich ein Foto auf einer Leinwand oder ein Schriftzug auf einer Zeichnung. Das Werk von Uschi Niehaus kennt die Unterteilung der einzelnen Bereiche wie Fotografie oder Zeichnung, aber die Künstlerin ignoriert diese Eingrenzungen, auch wenn sie nicht gleich sichtbar werden.

Deutlich wird das an der Wand direkt gegenüber des Eingangs. Das große blaue Gemälde hängt gleichberechtigt neben vielen kleineren Arbeit, die im Block gezeigt werden. Diese Wand mit den zwei unterschiedlichen Werken kann als eine Visitenkarte des Werkes von Uschi Niehaus verstanden werden und bildet den Nukleus dieser Ausstellung. Denn hier kommt die Bandbreite ihres Werkes sehr deutlich zur Ansicht.

Zum einen das All-Over Gemälde, eine Referenz an Yves Klein ?,  eine dichte Fläche deren Feinheiten sich erst bei näherem Betrachten zeigen. Uschi Niehaus integriert in ihre Gemälde scheinbar ganz fremde Elemente aus anderen Zusammenhängen. Diese Einsprengsel, die der Betrachter entdecken kann, geben den Gemälden eine spezifische Tiefe. Es lassen sich Spuren der Hand entdecken und andere Stellen, die sich zurück verfolgen lassen: Was sehen wir hier, eine Pinselspur oder doch eine Art Fingerabdruck. Es finden sich zum Teil Seekarten im Hintergrund aber auch skripturale Elemente, als handele es sich bei diesen Gemälden um eine Art Post: Mitteilungen auf der Leinwand.

Daneben die vielen kleinen Rahmen, in denen einzelne gestische Striche zu erkennen sind. Diese Korpus unterschiedlicher Zeichen ist mehr als das. Dahinter verbirgt sich jeweils auch ein spezifischer Gestus, eine spezifische Haltung, im eigentlichen Wortsinn. Stellen Sie sich vor, wie der Pinsel gehalten wurde, als er diese Spur auf dem Papier hinterlassen hat. Und wie wurde er gedreht auf dem folgenden Papier. An diesem Bildkomplex zeigt sich so etwas wie die performative Dimension des malerischen Werks von Uschi Frau Niehaus. Auf der Folie der Gemälde ließe sich hier von einer 'Grammatik' für das Werk sprechen. Im Rundgang durch die Ausstellung werden Sie möglichweise einige dieser Zeichen auf den anderen Gemälden wieder erkennen.

Vielleicht aber werden sie auf den Gemälden auch noch mehr entdecken, denn Uschi Niehaus dringt im wahrsten Sinne des Worts in die Oberfläche des Bildes ein. Da finden sich dann Blätter, Papierschnitzel oder andere Elemente. Die bloße Leinwand ist ihr zu wenig und es scheint, als wolle sie die Leinwand durchbrechen. Dafür benutzt sie den Spatel, wie er zu ahnen ist in den weißen Gemälden, und ihre eigenen Fingernägel. Und das geschieht auf einem kunsthistorischen Hintergrund, den wir ablesen können, wenn wir es wollen:

Leuchtender Vorschein aus dem Untergrund. Die Seerosen-Bilder von Monet fallen einem ein. Monet, der einmal davon gesprochen hat, dass die Aufgabe des Künstlers darin liege, darzustellen, was zwischen ihm und dem Objekt stehe, die Schönheit der Atmosphäre, lässt sich auf der Homepage der Künstlerin in einem Text von Paul Hausmann lesen.

Zuweilen werden die Gemälde zu Assemblagen, die aufnehmen müssen, was ihnen die Künstlerin gibt, seien es Papierschnitzel oder Gräser. Und es scheint als stammten diese Bilder aus einer anderen Zeit, in der der musikalische Ton seinen Konterpart in der Farbe suchte und gefunden hat. Tatsächlich kann man die Gemälde auch als eine indirekte Notation verstehen, in der das Gehörte sich auf der Leinwand wiederfindet.  Der Klang der Bilder. Uschi Niehaus erarbeitet mit Musik ihre Werke, seien es Bach oder Mozart.

Diese Grenzenlosigkeit lässt sich vielleicht nur mit dem Begriff 'Archäologie' verstehen. Der französische Philosoph Michel Foucault hat den Begriff in die Philosophie eingebracht. Er sagt dazu:

"Kenntnisse, philosophische Ideen und Alltagsansichten einer Gesellschaft, aber auch ihre Institutionen, oder die Sitten und Gebräuche verweisen auf ein implizites Wissen, das dieser Gesellschaft eigen ist.

Dieses Wissen unterscheidet sich tiefgreifend von dem Wissen, das man in wissenschaftlichen Büchern, philosophischen Theorien und religiösen Rechtfertigungen finden kann, aber erst dieses Wissen macht es möglich, dass zu einer bestimmten Zeit eine Theorie, eine Meinung oder eine Praxis aufkommt."
In diesem Sinne ist das Werk von Uschi Niehaus eine Archäologie der Malerei.
als eine Praxis der Malerei, die sich dem Gesamtkunstwerk näher.

So werden aus Spiralen, wie sie dort in der Vitrine liegen, in den Augen der Künstlerin sozusagen archäologische SMS, short message service. Aber zu dieser Archäologie muss jeder seinen eigenen Weg finden.

Ich danke Ihnen.

Manchmal, wenn die Welt singt

Fünf Anmerkungen zu Bildern von Uschi Niehaus

Erstens: Bach

Im Berliner Atelier der Künstlerin. Musik. Die letzten Takte einer Polka von Josef Strauß. Ein paar Töne noch, ein flüchtiger Moment, der sich kurz mit den langen, schmalen Fahnenbildern verbindet, die, ungerahmt, mit Klammern befestigt, von der Decke bis auf den Boden hängen. Bahnen, auf denen, von oben nach unten, Zeichen flüstern. Schwarz auf Weiß. Als gäbe es nur sie, diese Zeichen, diese Zeichnungen und diese letzten Klänge, Töne der Musik. Sonst nichts. Als sei das eins. „Wenn ich beim Arbeiten Musik höre, dann lieber Bach“, sagt Uschi Niehaus.

Zweitens: BlauinBlau

In einem zweiten Raum: zwei großformatige Bilder. Blau. Blau in Blau. Blau geschichtet. Changierend. Ins Helle. Ins Dunkle. Bis ins Schwarze. Dort nimmt die Lust, in diesen Bildern zu lesen, ihren Anfang, findet das Auge einen Anhaltspunkt. In einem der beiden Bilder, wie lichte Flecken, von der Sonne hingeworfen auf die Oberfläche: Einblicke, Durchblicke auf eine hellere, andere Welt unter dem Blau. Leuchtender Vorschein aus dem Untergrund. Die Seerosen-Bilder von Monet fallen einem ein. Monet, der einmal davon gesprochen hat, dass die Aufgabe des Künstlers darin liege, darzustellen, was zwischen ihm und dem Objekt stehe, die Schönheit der Atmosphäre. Das Unmögliche. Aber diese beiden großen Bilder heißen „Gebet“ und haben mit Monet nichts zu tun. Ein Kleineres, gerahmt, mit einem Passepartout versehen, zeigt ein verwandtes Motiv. Schwarz-Blau: Linien ins Unendliche. Sein Titel: „Gesang“.

Drittens: Kunst ist Wagnis

Wann wird Schrift zum Bild und wann wird Bild zur Schrift? Niehaus’ Arbeiten, ihre Zeichnungen, Collagen, ihre Malerei, spielen an, spielen mit diesem Übergang. Erinnern mich zuweilen an jene Zeichenbilder, mit denen im alten Ägypten die ganze Welt beschrieben wurde. Das Beiläufige wie das Wesentliche. Unsere Natur, übersetzt in Zeichensprache, die Schrift der Bilder. Ein Balance-Akt. Ein Wagnis allemal. Das gilt auch für die in ihrer offenen Bewegung betörenden Aquarelle von Uschi Niehaus, die so leicht, so leicht einsehbar und verständlich erscheinen. Und doch, bei allem Anschein von Leichtheit und Harmonie, lodern und fliegen können, unberechenbar bleiben und nicht aufzuhalten sind.

Viertens: Berühren

Uschi Niehaus arbeitet nicht allein mit dem Pinsel. Sie drückt die Farbe auch aus der Tube auf die Leinwand, auf das Papier, schreibt, malt so weiter. Mit einem Stöckchen. Mit dem Finger. Mit dem Fingernagel. Mit der Materie. Alles ist Berührung, erotisch auch so - das Auftragen, das Eindrücken; das Einritzen; der Umgang mit dem Pigment, der Kreide, der Ölkreide, dem Bleistift; das Collagieren, Übereinanderschichten; das Spiel mit der Semitransparenz; das Verbergen und Entdecken, Sichverbergen und Sichentdecken lassen. Manche Bilder kommen wie aus dem Nichts. Etwas wird sichtbar. Und verschwindet wieder. So sieht Verführung aus.

Fünftens: Manchmal

„Schläft ein Lied in allen Dingen
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst Du nur das Zauberwort.“



Berlin, 7. Dezember 2007 - Paul Hausmann